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Wenn sich Medienkunst im Cyberspace in nichts auflöst
- Kunstprojekte kämpfen gegen die Vergänglichkeit im Netz / Wem gehört zum Beispiel die Online-Präsenz der letzten "documenta"?
- von HELMUT MERSCHMANN
- (C) 1998 Verlag DER TAGESSPIEGEL
- Tageßpiegel Berlin, Deutschland
- http://www2.tageßpiegel.de/archiv/1999/02/21/in-be-9298.html
Für die großen Museen dieser Welt, das New Yorker Guggenheim, das Museum of Modern Art (MOMA) oder das Institute for Contemporary Arts (ICA) in London, hat das Sammeln von Medienkunst eine lange Tradition. Seit den sechziger Jahren, mit dem Auftauchen des Video, sind in diesen Musentempeln Abteilungen eingerichtet worden, die sich eigens mit elektronischen Medien befaßen. Denn wie der Guggenheim-Kurator John Hanhardt auf der "transmediale" in diesen Tagen in Berlin vorschlug, sind unter Medienkunst grundsätzlich alle "Kunstpraktiken zu verstehen, die auf elektronischen Medien basieren", von Video über Multimedia bis Online-Art. Gerade letztere Kunstform hat sich mit der Flüchtigkeit des Internets herumzuschlagen. Dort werden Server von heute auf morgen abgestellt und Homepages verschwinden. Ganze Ortschaften wie die "Internationale Stadt" versinken sang- und klanglos in der Bedeutungslosigkeit, sind "lost in cyberspace" und fallen der Vergeßenheit anheim.
Für sämtliche Medienkunst gilt indes, daß sie notwendigerweise von ihrem Träger, der jeweiligen Hardware, abhängig ist. Seien es Videofilme, Computerspiele oder eben Netzkunst-Projekte - sie alle existieren nur solange die Technik, auf der sie basieren, auch funktionsfähig ist. Das Berliner Computerspielemuseum weiß davon ein Lied zu singen, in das die etablierten Kunststätten mittlerweile einstimmen. Denn die wachsen zu heimlichen Technikmuseen heran, deren Inventar sorgsam gepflegt und gewartet werden muß. Es macht eben einen Unterschied, Netzkunst von 1995 auf dem damals verwandten Netscape 2.0-Browser zu betrachten oder mit dem aktüllsten Internet Explorer. Daß die Net-Art freilich zu den bewahrenswerten Dingen zählt, darüber herrschte Konsens unter den Museumsexperten auf zwei von Tilman Baumgärtel organisierten Veranstaltungen der "transmediale". Man will nicht alles sammeln, aber eben Exemplarisches.
Die Kuratoren legen großen Wert auf die Bedeutung ihrer jeweiligen Institution. Und so wird ein Internet-Kunstprojekt erst wirklich gewürdigt, wenn es über deren Homepage zu erreichen ist oder ihm sogar die Ehre zuteil wird, im Online-Tagebuch der reiselustigen Barbara London vom MOMA (www.moma.org) erwähnt und verlinkt zu werden. John Hanhardt mißt der Auswahl und Präsentation von Netzkunst durch ein Museum ebenfalls große Bedeutung bei, schon aus Gründen der Qualität: "Das Bedürfnis, was wir als wichtig einschätzen, auch zu sammeln, wird zu einer allgemeinen Tatsache, von der zukünftige Generationen profitieren werden." Vermutlich steigt auch der Marktwert von derart geadelter Kunst rapide an.
Daß es hingegen anders geht und dies gar in der Natur des Mediums liegt, zeigen die vielen, auf der "transmediale" präsentierten "freien" Sites. Die britische Künstler- und Aktivistengruppe "Mongrel" (www.moma.org) hat eine Suchmaschine auf ihrer Homepage installiert, über die man bei jedem eingegebenen Stichwort automatisch zu den sich vor allem mit Raßismus beschäftigenden Kunstprojekten der Gruppe umgeleitet wird. Dies gilt noch als sanfte Form des "Hijacking", der Entführung im Internet. Igor Stromajer, ehemaliger Theatermacher aus Slowenien, hat sich mit "b.ALT.ica" (www.intima.org/baltica) gleichfalls dem Netz der Netze verschrieben. Für ihn zeichnet sich das Medium durch eine hohe Intimität der Nutzung aus. Bei seinem Projekt soll der User deshalb zu Hause in aller Ruhe mit sich selbst kommunizieren. Stromajer dagegen zog es vor, auf dem Festival persönlich zu erscheinen, und trug dort laut singend ein Java-Script vor.
Durfte er das eigentlich, war denn das Script von ihm? Gehört ein Kunstprojekt überhaupt dem Künstler oder wer hat die Rechte über die Web-Inhalte inne? Solche Fragen beschäftigen Benjamin Weill vom Londoner ICA (www.icarts.demon.co.uk). Als das "äda 'web" (www.adaweb.walkerart.org), ein vom ICA betreuter Kunstserver, für eine Zeit vom Netz ging, bot sich ein Archiv an, es zu übernehmen. Von solchen Offerten bis dato unbehelligt, waren die rechtlichen Fragen für das Londoner Museum vollkommen ungeklärt. Jetzt existiert ein Vertrag über "die nicht-exklusive Schaustellung für 99 Jahre", ein absolutes Kuriosum in der Branche. Zumal das Projekt wieder eine eigene Internet-Adreße hat. Auch die letztjährige "documenta" mit ihrem breiten Online-Angebot warf Fragen nach dem "Besitzstand" von Online-Kunst und ihrer Speicherung auf.
Für Peter Weibel, Leiter des Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, stellt sich der Zusammenhang ohnehin ganz anders dar. Getreu dem Motto "Wenn wir nicht wißen, was archiviert wurde, wißen wir auch nicht, was neu ist", gibt er sich als strikter Befürworter einer allgemeinen Zugänglichkeit von Informationen im Netz, also auch von Kunstwerken. Von einem Kuratel hält er dementsprechend wenig. In "Multi-User-Environments" sieht Weibel die Zukunft, an der er auch schon bastelt.
Ob hingegen alles gehortet werden muß, diese Frage ist gerade im Fall des Internet strittig. Und das nicht bloß wegen des relativ geringen Informationsgehalts so mancher dort auffindbaren Site. Bei der Web-Kunst stellt sich überdies die Frage, ob nicht ihre Flüchtigkeit und zeitliche Begrenztheit eine genuine Qualität des elektronischen Mediums darstellt und zu seinem Wesen dazugehört: Tägliche Erneürung bei täglichem Verlust - einige Internet-Kunstprojekte reflektieren dies bereits.
© 1998 Verlag DER TAGESSPIEGEL
Igor Štromajer Intima Virtual Base Virtualna baza Intima Igor Stromajer www.intima.org Igor Štromajer
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